Die Stellung der Frau im Islam

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In großen Teilen der Gesellschaft, vornehmlich unter Männern, herrscht eine Denkhaltung, die Frauen aus Prinzip verachtet, sie aus der sozialen Gemeinschaft auszuschließen versucht und sie als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Diese Einstellung stammt nicht etwa aus dem Islam, sondern beruht gänzlich auf einem boshaften, heidnischen Frauenbild, die sich grundlegend von dem des Koran unterscheidet. Die unmissverständliche Beschreibung der sozialen Beziehungen zwischen den Geschlechtern im Koran macht es uns möglich, die wichtigsten Elemente dieser frauenfeindlichen Haltung von den Lehren des Koran abzugrenzen.


Koran, Überlieferung, Tradition – Ein Überblick

Werfen wir zunächst zum besseren Verständnis einen kurzen Blick auf drei mögliche Quellen der verschiedenen Auffassungen unter den Muslimen. Zum einen wäre da der Koran, der laut diesem selbst als die einzige Quelle des Islam gilt (siehe 6:57). Dann gäbe es da noch die Hadithen. Hadithe sind Überlieferungen der Aussagen und Handlungen des Propheten (Friede Gottes auf ihm). Problematisch bei den Hadithen: Es gibt unzählige frei erfundene Aussagen, welche fälschlicherweise dem Propheten auf Basis der Vermutung zugeschrieben werden. Trotz der Tatsache, dass der Koran jegliche Gebote und Verbote fernab seiner Verse ablehnt (siehe 45:6), treffen Auffassungen auf Grundlage dieser Hadithe auf eine breite Akzeptanz in vielen Teilen der Welt. Denkhaltungen, die weder auf dem Koran noch auf den Hadithen aufbauen, haben ihren Ursprung meist in der Tradition. Vom Koran strikt abgelehnt (siehe 5:104), werden Bräuche aus der Tradition in weiten Teilen der islamischen Welt als Gebote des Islam angenommen und akribisch genau durchgeführt. Des Weiteren kommen häufig auch Kombinationen aus zweien der genannten Quellen vor. So werden beispielsweise Koranübersetzungen mutwillig an bestimmte erfundene Hadithe angepasst und ganze Satzteile weggelassen oder hinzugefügt.


Die Gleichheit der Geschlechter

Gottes Gebote über die Stellung von Frauen und über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, offenbart im Koran, sind getragen von der Idee universaler Gerechtigkeit. Unter diesem Aspekt verlangt der Islam die Gleichheit der Geschlechter, sowohl was ihre Rechte, als auch was ihre Verantwortlichkeiten und Pflichten angeht. Der Islam basiert auf der Liebe, der Toleranz und dem Respekt gegenüber allen Menschen, ein Konzept, in dem die Diskriminierung der Frau keinen Platz findet.

Gott macht im Koran klar, dass Aufgaben und Verantwortung der Frauen dieselben sind, wie die der Männer, und dass Männer und Frauen sich bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben und Verantwortung einander bestmöglich unterstützen sollen:

“Und die Gläubigen, Männer und Frauen, sind einer des anderen Freund. Sie gebieten das Rechte und verbieten das Unrechte und verrichten das Gebet und zahlen die Steuer und gehorchen Allah und Seinem Gesandten. Sie – wahrlich, Allah erbarmt sich ihrer. Siehe, Allah ist mächtig und weise.” (Sura 9, Vers 71)

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Gott betont, dass die Gläubigen entsprechend ihrer Taten behandelt werden, ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht. Auf diese Realität wird in vielen Koranversen hingewiesen:

Und ihr Herr antwortet ihnen: “Siehe, Ich lasse keine Tat von euch verloren gehen, sei es von einem Mann oder einer Frau. Die einen von euch stammen ja von den anderen…” (Sura 3, Vers 195)

“Wer das Rechte tut, und gläubig ist, sei es Mann oder Frau, dem werden Wir ein gutes Leben geben. Und Wir werden ihn nach seinen besten Werken belohnen.” (Sura 16, Vers 97)

In einer weiteren Sure werden muslimische Männer und Frauen gleichgestellt und es wird betont, dass beide die gleiche Verantwortung tragen und in Gottes Augen denselben Status genießen:
“Wahrlich, die muslimischen Männer und die muslimischen Frauen,
die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen,
die gehorsamen Männer und die gehorsamen Frauen,
die wahrhaftigen Männer und die wahrhaftigen Frauen,
die standhaften Männer und die standhaften Frauen,
die demütigen Männer und die demütigen Frauen,
die Almosen spendenden Männer und die Almosen spendenden Frauen,
die fastenden Männer und die fastenden Frauen,
die ihre Keuschheit wahrenden Männer und die ihre Keuschheit wahrenden Frauen,
die Allahs häufig gedenkenden Männer und gedenkenden Frauen – Allah hat für sie Vergebung und großen Lohn vorgesehen. (Sura 33, Vers 35)

Es gibt zahlreiche weitere Verse im Koran, die die Gleichheit von Männern und Frauen belegen, sowohl was ihre Aufgabe und Verantwortung angeht, als auch was ihre entsprechende Belohnung oder Bestrafung betrifft. Es gibt einige wenige Unterschiede in den Pflichten von Mann und Frau. Diese rühren aber von den natürlichen biologischen Ungleichheiten der Geschlechter. Die Gebote des Koran berücksichtigen die natürlichen, durch die Schöpfung bedingten Unterschiede zwischen Mann und Frau, und etablieren ein in diesem Zusammenhang zu sehendes gleiches Recht für Männer und Frauen.

Auch in der Ehe wird Gleichheit von Pflicht und Verantwortung der Ehepartner verlangt. Im Koran wird den Ehepartnern die Pflicht auferlegt, sich gegenseitig zu unterstützen und füreinander zu sorgen. Diese Pflicht drückt der Koran wie folgt aus:

“…Sie sind euch ein Kleid, und ihr seid ihnen ein Kleid…” (Sura 2, Vers 187)

Viele Regeln und Gebote des Koran befassen sich mit dem Schutz der Rechte der Frauen in der Ehe. Die Ehe basiert auf dem freien Willen beider Partner; der Ehemann hat für den Lebensunterhalt seiner Frau zu sorgen (siehe 4:4), und er muss sich auch nach einer Scheidung der Ehe um seine Exfrau kümmern (siehe 65:6). Das bedeutet aber nicht, dass die Frau nicht auch beruflich tätig sein darf, sondern lediglich, dass im Falle beidseitiger beruflicher Untätigkeit, der Mann die Pflicht trägt, den Lebensunterhalt zu gewährleisten.

kadin ve meslekDiese Verse des Koran zeigen deutlich, dass der Islam die Beziehungen zwischen Männern und Frauen auf eine Rechtsgrundlage stellt und den ungerechten Praktiken und Bräuchen aus vorislamischen Gesellschaften ein Ende bereitet. Ein Beispiel hierzu ist die Situation von Frauen in vorislamischen arabischen Gesellschaften. Die heidnischen Araber sahen Frauen als minderwertig an und eine Tochter zu bekommen, war ein Umstand, dessen man sich schämen musste. Es gab Väter, die ihre neugeborenen Töchter lebendig begruben, damit sie nicht die Geburt eines Mädchens zugeben mussten. Gott hat diese barbarische Tradition im Koran verboten und warnt, dass solche Taten am Tag des Jüngsten Gerichts auf das strengste geahndet werden.

Tatsächlich brachte der Islam den Frauen, die in vormals heidnischen Gesellschaften großer Unterdrückung ausgesetzt waren, einen hohen Grad an Emanzipation.

Professor Bernard Lewis, bekannt als einer der besten westlichen Experten für Islamgeschichte und für Geschichte des Nahen Ostens gibt hierzu den folgenden Kommentar:

“Generell gesehen brachte die Ausbreitung des Islam eine enorme Verbesserung der Position der Frau im alten Arabien, die ihnen neben anderen Rechten das Recht auf den Besitz von Eigentum gab; außerdem erhielten sie eine Reihe von Rechtsmitteln zu ihrem Schutz gegen Misshandlungen durch ihre Ehemänner oder Eigentümer. Die Tötung weiblicher Neugeborener, gewohnheitsmäßig toleriert im heidnischen Arabien, wurde durch den Islam verboten. Trotzdem ließ die Rechtsstellung der Frauen weiterhin viel zu wünschen übrig, und sie verschlechterte sich weiter, als die ursprüngliche Botschaft des Islam nicht nur in dieser Hinsicht ihre treibende Kraft verlor und unter dem Einfluss vormals ausgeübter Traditionen und Bräuche modifiziert wurde. (Bernard Lewis, Der Mittlere Osten, Weidenfeld und Nicolson, London, 1995, S.210)

Wir dürfen daher mit Fug und Recht behaupten, dass jene verachtende Mentalität, die Frauen aus der sozialen Gemeinschaft ausschließen will und sie als Menschen zweiter Klasse betrachtet, auf einem üblen, heidnischen Frauenbild beruht, dass im Islam keinen Platz hat.


Die Frau als Vorbild

Tatsächlich werden religiöse Frauen im Koran als Vorbilder für die Menschheit dargestellt. Eine dieser Frauen ist Maria, die Mutter ‘Jesus Christus’. Eine andere ist jene Ehefrau eines ägyptischen Pharaos, die trotz des bösen Charakters ihres Ehemannes als eine gute Muslimin beschrieben wird (siehe66:11-12). Weiterhin beschreibt der Koran die sehr freundlichen Gespräche zwischen dem Propheten Salomon und der Königin von Saba (siehe 27:42-47), sowie zwischen Prophet Moses und zwei jungen Frauen. All diese Gespräche symbolisieren die zivilisierten sozialen Beziehungen zwischen den Geschlechtern.


Deshalb ist es für einen Muslim nicht möglich, eine bigotte Haltung gegenüber Frauen einzunehmen. In einer Gesellschaft, in der der wahre Islam praktiziert wird, werden den Frauen ein hohes Maß an Höflichkeit und Respekt entgegengebracht, und man wird sicherstellen, dass Frauen in Freiheit und Sicherheit leben können.


Frauen als selbständige und unabhängige Wesen

O die ihr glaubt, saget nicht: , sondern sagt: .” (Sura 2, Vers 104)

In diesem Vers werden die Gläubigen – ob Frau oder Mann – dazu angehalten, Gott nicht um Behütung zu bitten. Folglich werden Frauen im Koran nicht als besonders schutzbedürftige, aufgrund ihrer geistigen Unreife durch Männer zu behütende und zu dirigierende Wesen angesehen, sondern ganz im Gegenteil, als selbständige, starke, intelligente und vernünftige Wesen beschrieben.erkek ve kadinDoch über die Jahrhunderte wurde das Frauenbild in einigen islamischen Ländern stark von erfundenen frauenfeindlichen Hadithen geprägt. Dabei kommt im Koran kein einziger Vers vor, der eine Benachteiligung der Frau anmuten lassen könnte. Das Gegenteil ist der Fall, im Koran wird ohne jede Trennung durch Ausdrucksweisen wie “Gläubige; die, die Glauben; Rechtschaffene” oder “sei es Mann oder Frau” Männern und Frauen dieselben Rechte zugesprochen. Folglich lehnt sich jeder, der die Gleichberechtigung von Mann und Frau zurückweist, gegen die Verse des Koran auf.


Frauen und Kopftuch

Kopftuch = Religion – das ist die generelle Auffassung der Menschen, die es mit den meisten Geboten im Koran in der Regel nicht so genau nehmen, die nicht einmal die Grund- voraussetzungen der Religion erfüllen, aber von sich behaupten, die Anweisungen in den Hadithen, akribisch genau zu befolgen. Doch kommt das Kopftuch, das von diesen Menschen als das einzige für den Glauben stehende Symbol angesehen wird, überhaupt im Koran vor? Viele Gelehrte behaupten, ihre Aussagen über das Kopftuch aus dem Koran zu beziehen und berufen sich dabei auf einen bestimmten Vers. Tatsächlich aber erscheint der Begriff “Kopftuch” in keinem einzigen Vers. Aus diesem Grund müssen wir begreifen, wie der Koran in den verschiedenen Übersetzungen interpretiert wird und welche Auslegung die richtige ist.

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Und sage den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke senken und ihre Keuschheit wahren und ihre Reize nicht zur Schau stellen sollen, außer was (anständigerweise) sichtbar ist; und dass sie ihre Tücher über ihren Busen schlagen.”(Sura 24, Vers 31)


In nahezu allen Übersetzungen erscheint der obige Vers als “…und dass sie ihre Kopftücher über ihren Busen ziehen.” Doch der Begriff “Kopftuch” tritt im arabischen Original nicht auf. Dort wird von einem “Tuch” gesprochen.

Der als “Kopftücher” übersetzte Begriff trägt in Wahrheit lediglich die Bedeutung “Tuch”, und das Wort “Kopf” erscheint an keiner Stelle des Verses.

Folglich ist “…und dass sie ihre Tücher über ihren Busen schlagen.” die richtige Übersetzung des fälschlich als “…und dass sie ihre Kopftücher über ihren Busen ziehen.” interpretierten Verses. Der Vers bezieht sich auf die Bedeckung der Brüste, nicht des Kopfes.

Diese falsche Übersetzung des Verses ist ein typischer Versuch von einigen, den Koranvers einem erfundenen Hadith anzupassen, um diesem Gewicht zu verleihen.

Denn im entsprechenden Hadith wird erzählt:

‘A’ischa, Allahs Wohlgefallen auf ihr, sagte: “Als der Vers 24:31, “…und dass sie ihre Kopftücher über ihre Kleidungsauschnitte ziehen…” offenbart wurde, nahmen die Frauen ihre Unterröcke, schnitten Teile davon am Rand ab, warfen diese dann über den Kopf und bedeckten damit ihre Gesichter.” (Sahih Bukhari; Sunan Abu Dawud, Beyhaqi, VII, 88)

Auf die Logikfehler in solchen erfundenen Hadithen möchten wir in diesem Beitrag nicht eingehen. Zu beachten ist aber die Quelle dieser Erzählung, sie ist wie so oft aus einem der unzähligen Hadithbücher und kommt im Koran natürlich an keiner Stelle vor.


Fazit

Das Ausmaß und die wahre Quelle der in einigen islamischen Gemeinschaften weit verbreiteten falschen Denkhaltungen aufzuzeigen, war der Beweggrund für diesen Artikel. Auf diese Weise hat jeder, der im Namen des Islam derart falsche Gebote befolgt oder aufgrund dieser eine gewisse Stellung gegen den Islam nimmt, die Möglichkeit zu erkennen, dass die Unterdrückung der Frau absolut keinen Platz im Koran hat.

Dennoch versuchen einige, Beweise für die Unterdrückung der Frau im Koran zu finden. Dabei tragen die allgemeinen Fehlinterpretationen der relevanten Verse, reaktionäre Traditionen und die auf Grundlage falscher Hadithe basierenden Auslegungen beträchtliches dazu bei.

Im Koran selbst hingegen ist für keine der Ideen dieser Menschen die gewünschte Grundlage gegeben. Wenn wir auf die Thematik aus der Sicht des Koran blicken, wenn die Verse gemäß ihrer wahren Bedeutung interpretiert werden; und wenn der verfälschte Glaube einiger außen vor bleibt, wird deutlich, dass die Regeln im Koran, die sich mit Frauen befassen, eine Sozialstruktur bilden, die es den Frauen ermöglicht, auf das Angenehmste und Glücklichste zu leben.

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