Erlaubt der Koran das Abschneiden der Hand des Diebes?

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Entgegen der gängigen Information, dass das Abschneiden der Hand erlaubt ist, muss festgestellt werden, dass solch ein Urteil im Koran nicht existiert. Laut dem Koran wird der Dieb, je nach Umfang der Diebesbeute, mit dem Gefängnis bestraft. Diese Strafe ist die Umsetzung des Befehls „unterbindet deren Beziehung zu der Gesellschaft“ aus dem Koran.

Falls der Dieb aufgrund eines Bedürfnisses oder wegen einer Unfähigkeit gestohlen hat, sollte er angemessen betraft werden (z. B. ein kurzer Gefängnisaufenthalt). Wenn der Dieb jedoch organisiert, systematisch, professionell oder aus ähnlichen Gründen dies zu einem Beruf gemacht hat oder Geld vom Staat unterschlägt und somit der gesamten Gesellschaft schadet, dann sollten die Strafen für diese Taten unterschiedlich ausfallen und das Strafrecht sollte dementsprechend angepasst werden.

In dem jeweiligen Koranvers wird uns ein abschreckendes Strafsystem nahegelegt und zwar „die Unterbindung der Beziehung des Diebes zur Gesellschaft.“

Obwohl in der deutschen Übersetzung des Koranverses „schneidet ihre Hände ab“ steht, haben wir diese Beschreibung nicht verwendet, weil nach der Analyse der Wörter unten im Detail beschrieben wird, dass im Vers nicht befohlen wird „die Hände abzuschneiden“, sondern den Dieb von der Gesellschaft auszuschließen.

Nach diesen Informationen möchten wir mit der Analyse der Wörter eine Klarheit über dieses Thema verschaffen. Es wird behauptet, dass der 38. Vers der Sure al-Ma’ida befehlen würde, dem Dieb die Hand abzuschneiden. Lassen Sie uns diesen Vers näher betrachten und die Wörter näher analysieren.

جَزَاء cezaen; Bedeutet die Erwiderung auf etwas

بِمَا كَسَبَا Bima keseba; Aufgrund ihrer Taten

نَكَالاً Nekalen; Zur Abschreckung

مِنَ اللّهِ Min Allahi; Bedeutet von Allah

Somit können wir diesem Teil des Verses folgende Bedeutung geben:

„Als Erwiderung für ihre Taten ist dies eine Abschreckungsmaßnahme von Allah.“

Aber was ist das für eine Strafe und für wen ist sie bestimmt?

Schauen wir uns den Anfang des Verses an:

وَالسَّارِقُ Ve es sariku; (männlich) Dieb

وَالسَّارِقَةُ Ve es sarikatu; (weiblich) Diebin

فَاقْطَعُواْ Fe ikteu; abschneiden (auf dieses Wort werden wir uns später fokussieren)

أَيْدِيَهُمَا Eydiye Huma; Das ist hier der wichtigste Punkt.

Das Wort “Huma“, welcher im Vers vorkommt bedeutet „von beiden“ und bedeutet, dass man bei dem Dieb und bei der Diebin den „Eyd“ unterbindet.

Was bedeutet nun „Eyd“? Eyd ist im arabischen ein gleichlautender Begriff. Eine Bedeutung ist „Macht, Kraft“ und die andere Bedeutung ist „Hände“.

Deshalb lassen sie uns über beide Bedeutungen nachdenken, um den Vers zu verstehen. Dieses Wort kann der Singular und der Infinitiv des Verbes „eyd“ sein.

Wenn man davon ausgeht, dass es Singular ist und sich von dem Wort „eyd“ ableitet, dann bedeutet es Macht, Kraft. Im Koran gibt es Beispiele, die in dieser Form verwendet werden.

„Ertrage geduldig, was sie sagen, und erinnere dich Unseres Dieners David, des Kraftvollen. (Selbst) er war gewiss bußfertig.“ (Sure Sad, Vers 17)

In diesem Vers wird das Wort „Eyd“ als Macht, Kraft übersetzt.

„Gedenke auch Unserer Diener Abraham, Isaak und Jakob, Leute voll Kraft und Einsicht.“ (Sure Sad, Vers 45)

Auch in diesem Vers wird das Wort „Eyd“ als Kraft verwendet.

„Und den Himmel, Wir errichteten ihn mit einer großen Kraft. Und wahrlich sind Wir es zweifellos, die (ihn) ausdehnen.“ (Sure adh-Dhariyat, Vers 47)

In diesen drei Versen wird das Wort „Eyd“ als Kraft verwendet. Somit können wir den Koranvers so interpretieren, dass die Kraft des Diebes und der Diebin aufgrund ihrer Taten zu unterbinden ist.

Jedoch lassen Sie uns nicht sofort eine Meinung über das Wort „Eyd“ bilden und schauen wir uns auch die zweite Bedeutung, also „die Hände“ näher an. Zunächst möchten wir Ihnen die folgende Information geben. Im arabischen gibt es auch eine eigene Form für den Zusatz des Singulars und des Plurals. Das wird auch Tesniye, d.h. Dualität genannt.

YED; Eine Hand

YEDA; Zwei Hände

EYD; Hände, drei oder mehr Hände

Da ein Mensch keine drei Hände haben kann, sollten wir dies als metaphorisch verstehen. Wir werden noch näher auf die Grammatik eingehen, jedoch möchten wir noch folgendes klarstellen. Wenn EYD Hände bedeutet, haben wir gesagt, dass wir dies metaphorisch verstehen müssen. Wurde „die Hand“ im Koran jemals als Metapher verwendet?

Im Koran kommt die Hand als Singular, Plural und in der Mehrzahl in 110 Versen 120 Mal vor. Und von diesen haben nur dreißig die Bedeutung der echten physischen Hand.

Die anderen sind Metaphern. Schauen wir uns sofort zwei Verse genauer an, in welchen die Hände „abgeschnitten“ werden.

„O die ihr glaubt! Gedenket der Gnade Allahs über euch, als ein Volk die Hände nach euch auszustrecken trachtete. Er aber hielt ihre Hände von euch zurück. Und fürchtet Allah; auf Allah sollen die Gläubigen vertrauen.“ (Sure al-Ma’ida, Vers 11)

In diesem Koranvers ist es offensichtlich, dass die Hände als Metapher verwendet werden.

„Und die Juden sagen: «Die Hand Allahs ist gefesselt.» Ihre Hände sollen gefesselt sein und sie sollen verflucht sein um dessentwillen, was sie da sprechen. Nein, Seine beiden Hände sind weit offen; Er spendet, wie Er will.“ (Sure al-Ma’ida, Vers 64)

Hier wird „yed“ als eine Hand oder „yeda“ als zwei Hände in metaphorischer Form verwendet. Wir möchten nochmal wiederholen, dass „eyd“ Macht oder Kraft bedeutet. Wenn in dem Vers „eyd“ nicht als Kraft oder Macht übersetzt wird, dann ist es eindeutig metaphorisch, da ein Mensch nicht mehr als drei Hände haben kann. Hier will man die Kraft des Diebes unterbinden. Folgender Einwand kann hier eingebracht werden:

Gut, aber in dem Koranvers ist nicht die Rede von einem Dieb, es wäre so, wenn in dem Vers stehen würde „schneidet die Hände von dem Dieb ab“. Der Vers sagt „schneidet die Hände von beiden ab“. Und da zwei Personen vier Hände haben, kann tatsächlich das richtige Abschneiden der Hände gemeint sein. Diese Behauptung ist falsch. Das Wort „Huma“ ist nämlich ein Pronomen.

Es deutet auf zwei Personen. Diese zwei Personen, welche am Anfang des Verses vorkommen, sind der männliche und der weibliche Dieb. Es bedeutet, dass die Hände von beiden abgeschnitten werden sollen. Huma gibt dem Wort diese Bedeutung. Da im arabischen die Hände ab drei anfangen, ist es nicht möglich diese als die biologischen Hände zu verstehen. Zweifellos ist es metaphorisch zu verstehen. Bis hierher haben wir das Wort „eyd“ genauer untersucht. Lassen Sie uns jetzt das Wort „abschneiden“ näher betrachten, welcher genauso wichtig ist, wie der andere Begriff.

DAS VERB ABSCHNEIDEN

Der Begriff, der im Koranvers vorkommt und als abschneiden übersetzt wird, ist „KataA“. Auch wenn dieser Begriff „Abschneiden“ bedeutet, ist im Koran oftmals nicht das physische Abschneiden gemeint. Das Wort KataA kommt im Koran, außer in diesem Vers, auch noch an anderen achtzehn Stellen vor. Und es ist offensichtlich, dass es an sechzehn Stellen nicht die Bedeutung des physischen Abschneidens hat.

An weiteren zwei Stellen ist die Verwendung des Begriffes offen für Interpretationen. Es kann das metaphorische, sowie das physische Schneiden gemeint sein. Jetzt schauen wir uns diese Verse an.

1- وَيَقْطَعُونَ مَا أَمَرَ اللَّهُ بِهِ أَن يُوصَلَ
Die den Bund Allahs brechen (Sure al-Baqara, Vers 27)

2-لِيَقْطَعَ طَرَفًا مِّنَ الَّذِينَ كَفَرُواْ
Und damit Er einen Teil der Ungläubigen vernichte… (Sure al-Imran, Vers 127)

3- فَقُطِعَ دَابِرُ الْقَوْمِ الَّذِينَ ظَلَمُواْ
So ward der restliche Zweig des Volkes der Frevler abgeschnitten (Sure al-Anam, Vers 45)

4- وَقَطَعْنَا دَابِرَ الَّذِينَ
Wir schnitten den letzten Zweig derer ab (Sure al-Araf, Vers 72)

5- وَيَقْطَعَ دَابِرَ الْكَافِرِينَ
…und die Wurzel der Ungläubigen abschneiden, (Sure al-Anfal, Vers 7)

6-وَلاَ يَقْطَعُونَ وَادِيًا
…und sie durchziehen kein Tal….(Sure at-Tauba, Vers 121)

7-وُجُوهُهُمْ قِطَعًا مِّنَ اللَّيْلِ مُظْلِمًا
…als ob ihre Angesichter verhüllt wären mit finsteren Nachtfetzen. (Sure Jonas, Vers 27)

8-بِقِطْعٍ مِّنَ اللَّيْلِ
…in einem Teile der Nacht… (Sure Hud, Vers 81)

9-وَفِي الأَرْضِ قِطَعٌ
Und auf der Erde sind dicht beieinander (verschiedene) Landstriche und Rebengärten… (Sure ar-Rad, Vers 4)

10-وَيَقْطَعُونَ مَآ أَمَرَ اللّهُ بِهِ أَن يُوصَلَ
Die aber, die den Bund Allahs brechen..(Sure ar-Rad, Vers 25)

11-بِقِطْعٍ مِّنَ اللَّيْلِ
Im (späteren) Teil der Nacht..(Sure al-Hidschr, Vers 65)

12-مَقْطُوعٌ مُّصْبِحِينَ
..dass die Wurzel jener abgeschnitten werden sollte am Morgen (Sure al-Hidschr, Vers 66)

13- بِسَبَبٍ إِلَى السَّمَاء ثُمَّ لِيَقْطَعْ
…soll doch mit Hilfe eines Seils zum Himmel emporsteigen und es abschneiden. (Sure al-Hadsch, Vers 15)

14- قَاطِعَةً أَمْرًا
Ich entscheide keine Angelegenheit… (Sure an-Naml, Vers 32)

15- وَتَقْطَعُونَ السَّبِيلَ
…und raubet ihr auf der Landstraße.. (Sure al-Ankabut, Vers 29)

16-لَّا مَقْطُوعَةٍ (
Unaufhörlich und stets verfügbar.. (Sure al-Waqia, Vers 33)

In diesen sechzehn Versen ist es offensichtlich, dass mit dem Wort KataA nicht das physische Abschneiden gemeint ist.

17-ثُمَّ لَقَطَعْنَا مِنْهُ الْوَتِينَ
…und ihm dann die Herz Ader durchschnitten. (Sure al-Haqqa, Vers 46)

18-مَا قَطَعْتُم مِّن لِّينَةٍ
Was ihr umgehauen habt an Palmen oder auf ihren Wurzeln stehen ließet… (Sure al-Haschr, Vers 5)

Jedoch in den Versen „und ihm dann die Herzader durchschnitten“ oder „Was ihr umgehauen habt an Palmen“ sehen wir, dass mit dem Begriff „KataA“ nicht das physische schneiden gemeint ist. Da „KataA“ im Koran für das nicht physische Schneiden verwendet wird, können wir davon ausgehen, dass das Ausschließen von der Gesellschaft, die richtige Bedeutung ist. Denn im Koran wird für das physische Abschneiden das Wort QaTTaA mit Doppel T (Form von „shedda“) verwendet. Insbesondere kommt in den Versen das Wort QaTTaA vor, in welchen über das physische Abschneiden geredet wird. Schauen wir uns diese Verse Mal näher an:

Und als sie von ihrer Bosheit hörte, schickte sie (Einladungen) zu ihnen und bot ihnen ein Festessen. Sie gab jeder von ihnen ein Messer. Dann rief sie (zu Joseph:) “Komm zu ihnen heraus!” Und als sie ihn sahen, bewunderten sie seine Schönheit so sehr, dass sie sich (vor Aufregung) in die Hände schnitten und ausriefen: “Allah behüte! Das ist kein Mensch! Das ist ein edler Engel!” (Sure Joseph, Vers 31)

In dem 31. Vers der Sure Josef wird erzählt, wie die Frauen ihre Hände schnitten, als sie die Schönheit von Josef bewunderten. Für die Verwundung ihrer Hände wird der Begriff QaTTaA verwendet. Außerdem ist hier offensichtlich, dass die Frauen nicht ihre ganze Hand abgeschnitten haben.

لأُقَطِّعَنَّ أَيْدِيَكُمْ وَأَرْجُلَكُم مِّنْ خِلاَفٍ ثُمَّ لأُصَلِّبَنَّكُمْ أَجْمَعِينَ
(Pharao) „Wahrlich, für den Ungehorsam lasse ich euch Hände und Füße abhauen. Dann lasse ich euch alle kreuzigen.“ (Sure al-Araf, Vers 124)

In diesem Vers bedroht der Pharao die Zauberer, die ohne seine Erlaubnis an den Erschaffer glauben.

Hier wird das Abschneiden der Hände erwähnt und der verwendete Begriff ist QaTTaA. Das beweist uns nochmal, dass das in den Versen vorkommende Wort kaTaA, welcher für das metaphorische Abschneiden benutzt wird, eher das Abschneiden der Kraft beschreibt, da der Begriff QaTTaA eher für das Ritzen, das Abschneiden sowie das Abreißen steht. Die Analysen der Begriffe und der allgemeine Ausdruck des Koran zeigen uns, dass das Abschneiden der Hände von Dieben bis jetzt eine falsche Wahrnehmung war und die richtigen Bedeutungen „von der Gesellschaft ausschließen“ oder „dem Dieb die Macht bzw. Kraft entziehen“ sind.

Der einzige Grund warum man die Hände von Dieben abschneiden soll, ist die traditionelle Akzeptanz und eine Herangehensweise an den Koran, welche wiederum in den Quellen außerhalb des Korans zu finden sind.

Der Koran spricht jede Gesellschaft, jede Ära und jede Kultur an, beinhaltet die wahren Worte Allahs und ist daher das perfekte Buch, worin alle Bestimmungen zu finden sind. Wie schon im Koran bezeichnet, ist der Koran die sicherste Quelle.

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